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Hamburger
Literaturpreis 2020

Für die Erzählung Dorval, Quebec: Eine kanadische Kleinstadt in der Nähe von Montreal. Im April 2020 entdeckten Polizisten und Mitarbeiter des Gesundheitsamts dort die verheerenden Zustände in einem Altenpflegeheim. Nahezu das gesamte Personal der Herron Résidence war aus Angst vor einer Covid-19-Ansteckung nicht mehr zur Arbeit erschienen. Die Bewohner waren tagelang sich selbst überlassen. Viele waren unterernährt, dehydriert und in desolatem Allgemeinzustand, als man sie fand. Für 31 Menschen kam jede Hilfe zu spät.

Bilder und weitere Informationen gibt es hier.

Dorval, Quebec ist kein Tatsachenbericht. Auf Basis der Fakten entwickelt die Geschichte ihre eigene Antwort auf die Frage, wie es dazu kommen konnte. Sie erzählt aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, was die Menschen bewegt hat, die von der Außenwelt abgeschnittenen Bewohner ebenso wie die verbliebenen, heillos überforderten Mitarbeiter.

In kurzen Gedankenmitschnitten nähert sie sich ihren Protagonisten. Der an ALS erkrankten Dorothy zum Beispiel, die sich kaum noch verständlich machen kann, und die eine umso bessere Beobachterin ihrer Umwelt geworden ist. Der unter Demenz leidende Mr. Tucker, der sich an die letzten, wenn auch sehr schmerzhaften Erinnerungen an seine Kindheit klammert, um sie vor dem endgültigen Vergessen zu bewahren. Oder der tief gläubige Glenn, den eine Krebsdiagnose völlig aus der Bahn wirft und der sich von einer letzten verzweifelten Tat eine irdische Erlösung verspricht.

Demgegenüber stehen die wachsenden Zweifel und Ängste der Mitarbeiter: William, der sich hauptsächlich um Dorothy kümmert, Schwester Renata, die sich bis zur Selbstaufgabe aufopfert sowie die neue Praktikantin, die erst seit einer Woche auf der Station arbeitet und einen entsprechend nüchternen Blick auf die Ereignisse hat.

„Dorval, Quebec“ ist ein Brennglas, in dem zwei der drängendsten Fragenunserer Zeit kumulieren. Was passiert in einem Seniorenheim, inmitten einer Pandemie, wenn große Teile des Personals aus Angst vor einer Ansteckung nicht mehr zur Arbeit erscheinen? Temporeich und ohne Schuldzuweisung zeichnet „Dorval, Quebec“ ein vielstimmiges Bild jener letzten, dramatischen Tage im Herron. Und zugleich ein vielschichtiges Portrait unserer Zeit.